Hashtag, Likes und Tweets

Hashtag, Likes und Tweets

Von der hohen Kunst des Twitterns

Valentin_BruecknerAls 19-jähriger Jüngling im Besitz eines internetfähigen Handys wusste ich nicht, was mir und den anderen Praktikanten eine Person jenseits der 30 noch über soziale Netzwerke beibringen sollte. In unseren Augen ist man da ja schon fast wieder Rentner. Umso erstaunter waren wir von uns selbst, als Bente Matthes uns die schier unlösbare Aufgabe stellte, uns in Twitter-Länge, also maximal 140 Zeichen, vorzustellen.

Unsere Vitae waren zu vielschichtig, unsere Persönlichkeiten zu schillernd, als dass wir uns bewusst hätten beschränken können. Man muss von der Straße aus den Rauch gesehen haben, der unseren berstenden Köpfen entwich, bis wir endlich alle eine Lösung hatten.

tweet_valentin

Mancher Minimalist beschränkte sich auf das Wesentliche und beschrieb sich als „absoluten Zocker“, ein anderer machte keinen Hehl aus seiner Liebe zur Brutalität („…und schaue gern anderen beim Prügeln zu“) und wieder andere waren 19 und hungrig auf Neues. Rawwr.

Bente selbst ist irgendwo zwischen dreißig und vierzig und hat schon 900 Follower auf Twitter. Wenn sie das nur einmal am Rande erwähnt hätte, wäre uns das vermutlich sogar wieder entfallen. Aber glücklicherweise erinnerte sie uns immer wieder daran und wie wichtig es sei, in seiner großen Community ganz viel Publicity zu machen, um Fame und Fortune zu erlangen. Wichtig sei auch die persönliche Message, sonst nützen selbst Millionen Follower nichts. Wir schauten dann mal auf Instagram und entdeckten zahlreiche Bilder von spannenden Sonnenuntergängen. #romantisch

bente_SocialMediaKurs

Na gut, jetzt aber mal genug der Ironie. Bente brachte uns auch einiges bei. Zum Beispiel wissen wir jetzt, dass wir lieber einen Hashtag zu #viel #verwenden als #zuwenig. Außerdem sollen wir eine große Community aufbauen, um Fame und F… Moment! Hatten wir schon. Aber wir lernten tatsächlich, dass uns auf den verschiedenen Plattformen unterschiedliche Arten von Shitstorms erwarten, wenn wir Mist bauen. Wenn man auf Instagram eher angeschwiegen und mit Like-Losigkeit bestraft wird, ist das adäquat zu wüsten Beschimpfungen und offenem Hass auf Youtube. Für Zartbesaitete ist also Instagram eher zu empfehlen. Auf Twitter werden des Weiteren vorwiegend geistreiche Kommentare erwartet, man soll ja in 140 Zeichen möglichst viel von Substanz und nicht irgendeinen austauschbaren Trash transportieren. „Hab heute einen schönen Sonnenuntergang gesehen“ wäre also eher unpassend.

Damit wir sie nicht vergessen, gab Bente uns zum Schluss sogar Hausaufgaben auf. Wir sollten für Twitter, Facebook und Instagram entsprechend passende Beiträge formulieren, die ihr Seminar zusammenfassen. Voller Tatendrang stürzten wir uns in die Umsetzung dieser Aufgabe, denn wir hatten einen Mission: wir wollten unsere Community vergrößern, um Fame und Fortune zu erlangen…

Text: Valentin Brückner

Fotos: Luisa Kiendl (afk tv)